Die Geschworenen ziehen sich zurück, um die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen

Die Geschworenen ziehen sich zurück, um die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen

Was ich nach der Arbeit mache? Ich zieh mir Anwaltsserien rein! Eigentlich müsste ich dafür noch Scheine kriegen, und Bafög. Wie Molekülgruppen untereinander polyamore Bindungen eingehen, will die gute Frau Pellkartoffel mit ihrem Rezept in der Apotheke nicht so dringend erklärt bekommen. Aber sie möchte gerne von ihrem

Sohn erzählen, den sie schon so lange nicht gesehen hat. Und ich muss schauen, dass ich wirtschaftlich und vertragskonform bediene. Psychologie und BWL – check. Aber richtig in Wallung kommt mein Apothekerblut erst, wenn ich mit Krankenkassen verhandle. Gepfefferte Briefe schreiben und Plädoyers am Telefon halten, das ist meine Passion. Nicht. Es werden oft scheinbar willkürlich Beanstandungen aufgestellt, die fachlicher und sozialer Prüfung nicht standhalten. Dreiste Schreiben erreichen uns in regelmäßigen Abständen und sollen das Fachpersonal wohl frustrieren und beschäftigt halten – oder einfach einschüchtern. Aber ich lerne! Mittlerweile hab ich mich zu einer „Geben-Sie-mir-Ihren-Vorgesetzten!“-Bitch gemausert. Nicht mit mir! Mit mir nicht!! Und ich krame mit rotem Kopp in meinen alten Pharmakologie-Aufzeichnungen, um anschaulich und detailliert zu beschreiben, welche schrecklichen gesundheitsschädlichen Auswirkungen den Versicherten drohen, wenn die Kosten für die Arzneimittel nicht erstattet werden. Dass dieses Wissen mal von einem imaginären Hammer im Gerichtssaal begleitet sein würde, hätte ich damals auch nicht gedacht.

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Können die Ratiomat-Zwillinge auch Nagelpilz?

Können die Ratiomat-Zwillinge auch Nagelpilz?

„Gibts dieses Produkt gegen Nagelpilz auch von einer besseren Firma? Vielleicht Ratiomat?“

Hm. Ich schaue mal im Computer nach. Eventuell kann ich ja mit Miele, Bosch oder Siemens aushelfen.

Der Monteur meines Vertrauens riet mir allerdings, im Inland produzierte Fabrikate zu bevorzugen, weil die anderen so schnell kaputtgehen. Aber kommt nicht sowieso alles vom selben Band?

Und überhaupt, wieviel Geld wollen sie investieren?

Aber ich sehe schon, das ufert aus. Sie müssen ihren Fuß auch nicht unbedingt in den Backofen stecken, probieren sie‘s erstmal mit unserem zweitklassigen Präparat. Sonst reklamieren wir das direkt beim Hersteller! Soviele Wochen Garantie, wie sie Zehennägel haben, OK?

An dem Produkt ist was kaputt, das ist die Reklamation! 

An dem Produkt ist was kaputt, das ist die Reklamation! 

Ihr empörter Blick eilt der Kundin voraus, als sie in die Apotheke stürmt. 
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Lactose nicht vertrage. Und Sie haben mir SonnenMILCH verkauft?!“

„Ich möchte eine Pille ohne aufgedruckte Wochentage auf dem Blister. Oder haben SIE etwa jeden Tag Sex??!“
„Hier- den Irrigator hab ich vorige Woche bei Ihnen gekauft. Der funktioniert garnicht richtig! Ich will den zurückgeben.“

Potzblitz!
Darum wollte ich schon immer was mit Menschen machen. Was lustiges. Was mit Spannung. Und immer wieder überraschend.

Aber jetzt mal was ganz anderes:
„Wann verschneidet man denn im Garten die Nelken?“, fragt Frau F mit gerunzelter Stirn.

Das weiß ich leider auch nicht. Mein Bioprofessor und ich hatten damals auch eher ein unterkühltes Klima in den mündlichen Prüfungen. Dass ich in der vorangegangenen Fress-Schlaf-Lern-Phase die sieben fetten Ordner mit den Vorlesungshieroglyphen nur überfliegen hatte können, war ihm schnell klargeworden. Weil ich so blass und verschwitzt aussah. Zum Glück konnte ich den Anfangsbuchstaben unten auf dem kleinen Röhrchen mit der vetrockneten Wurzelscheibe erkennen, sonst hätte ich das exquisite Fossil womöglich garnicht identifiziert, um mich anschließend stammelnd in Syntheseschritten von kompliziert klingenden sekundären Inhaltsstoffen zu ergehen. Also kommen Sie mir jetzt nicht mit Botanik.

Aber wenn Sie viel im Garten arbeiten, sollten Sie unbedingt einen Sonnenschutz auftragen!;)

Weniger Hirnschmalz ist manchmal mehr

Weniger Hirnschmalz ist manchmal mehr

„Ich hätte gerne mal eine Frage. Zu diesen Kapseln hier. Auf der Packung steht doch ‚Hartkapseln‘, aber innen sind die so grün und weich, wie flüssige Schokolade!““Diese Kapseln sind zum Einnehmen mit Wasser gedacht, die sollen Sie doch garnicht öffnen?“ (Fragender Blick zur Kundin, leicht panisch-irritierte Attitüde)

„Naa, auf dem Blister heißt es aber ‚Inhalt seitlich herausdrücken!'“

Es gibt eindeutig auch eine zu hohe compliance. 
Und weil ich so neugierig bin, bitte ich die Frau dann noch, ihr Shirt glattzuziehen, um den Aufdruck besser lesen zu können. Und das verfröhlicht mir dann gleich wieder den Tag: „Liebe ist ausverkauft, aber wir hätten noch Vodka im Angebot!“

Affen-Tiefkühlfritten-geil.

Wer schleimt, kommt weiter 

Wer schleimt, kommt weiter 

Ich kultiviere auch meine Wissenslücken und stehe zu ihnen, seit ich mich im Studium vom Lernen aufs ordnerweise Durchlesen verlegt habe. Regelmäßig träume ich schlecht von nichtbesuchten wichtigen Seminaren und überraschenden Prüfungen, die ich unvorbereitet antreten muss, aber ich weiß garnicht, welche Straßenbahn ich nehmen muss, um dorthin zu kommen, uaah. Aber manche Lücke wird auch hin und wieder gefüllt und dann ist es so schön, als wärs eine bestandene Klausur:)
Heute durfte ich auch was ganz fundamentales dazulernen. Meine Kundin fragte nach einem Schleimlöser und erklärte mir, dass sie einen ganz milden bräuchte. Weil: sie hat gelesen, dass Schleimlöser nicht gut für Frauen sind. Also für die Gebärmutterschleimhaut. 
Uiuiui. Ich bin ja der visuelle Typ. 
Vor meinem inneren Auge Bilder von sich auflösenden Schleimhäuten im GANZEN Körper!!! 

Ich kann euch sagen, da war ich schon erschrocken über das kontinentale Ausmaß meines Nichtwissens. Und ich habe auch garnicht erst versucht, es zu überspielen. Nein, ich habe geschworen, dass ich das googeln werde. Hab ich später auch gemacht. Und siehe da- ich fand in einem

Forum mal wieder Fakten, Fakten, Fakten! Die les ich mir bis nächste Woche noch dreimal durch, versprochen.

Chillimilli oben ohne

Chillimilli oben ohne

Hautkontakt soll ja das Wohlbefinden steigern. Meine eigene kleine nichtrandomisierte und offenen Auges durchgeführte Studie an wohlgeformten Kundenrücken bestätigt dies uneingeschränkt. Ich klebe gern Wärmepflaster auf, offen gesagt. Ja, ich bringe Männer dazu, in der Offinzin ihr Poloshirt auszuziehen. Mit Nachdruck, wenn es sein muss. Vor allem, wenn es rosafarben ist und der Träger eingangs eine „Salbe mit Chilli“ verlangt hat. „Aber die stärkere, die andere ist ja für Hausfrauen.“ Empörtes Auflachen des Fachpersonals. Tss. Der hat offenbar noch nie „Desperate Housewives“ gesehen. Aber wir Frauen sind ja gewieft und bekommen immer, was wir wollen. Erst recht im schwesterlich-feministischen Geiste der Ehrenrettung aller Hausfrauen. Am Ende des vollkommen sachlich und unabhängig geführten Beratungsgespräches haben wir also einen freien männlichen Oberkörper im Verkaufsraum und stellen klar, dass Apothekenpersonal auch super gern praktisch behilflich ist. Da kommt der nächste Kunde hereinspaziert: „Ich brauche bitte einen Einlauf!“ Nunja. Man muss auch delegieren können.

Gute Laune ist rezeptfrei

Gute Laune ist rezeptfrei

„Raten Sie, wie alt ich bin!“

Ok.. dieser saftige Herr muss bestimmt mehr als 80 Lenze zählen.
Ich mit fester Stimme: „76.“
Er strahlend:“Ich bin 84!“
Da braucht er gleich nur noch die halbe Dosis von all seinen Medikamenten, juchu.

Und dann bekomme ich auch noch meine Tagesration:
„Sie sind eine, eine, eine schöne…!“ (Ohje, was meint er denn? Eine schöne Portion Frau, die gut im Futter steht?)
„Haben Sie einen Freund? Ich habe da nämlich einen Sohn. Dem Alexander werde ich Bescheid sagen: ‚Die Tante arbeitet in der Apotheke!‘ Hehe.“

Mannmannmann. Ich gehe nur noch zögerlich in den Handverkauf.
Bei jedem: „Ich will eine Creme gegen Arschbrennen!“ oder „Einmal Schmerztabletten. Sie brauchen nichts zu sagen, ich weiß, was ich tue!“
rechne ich mit einer Heimsuchung durch Alexander den Kranken.